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Dann pflücke ich Blumen, wo jetzt der Reif liegt

Walther von der Vogelweide (um 1170-1230)

Winter

Uns hât der winter geschât über al:
heide unde walt die sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
saehe ich die megede an der strâze den bal
werfen! sô kaeme uns der vogele schal.

Möhte ich verslâfen des winters zît!
wache ich die wile, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît.
weizgot er lâz hoch dem meien den strît:
sô lise ich bluomen dâ rîfe nû lît.

Übersetzung:

Uns hat der Winter überall Schaden zugefügt.
Heide und Wald, wo manch Stimme gar süß erklang, sind beide nun fahl.
Sähe ich erst wieder die Mädchen auf der Straße Ball spielen!
Dann käme auch der Vögel Gesang zurück.

Könnte ich den Winter nur verschlafen!
Solange ich wach bleibe, grolle ich ihm,
dass seine Macht so groß und so weit ist.
Wahrlich, einmal muss auch er dem Maien weichen.
Dann pflücke ich dort Blumen, wo jetzt Reif liegt.

Ja - zu allen Zeiten haben die Menschen dem Winter gegrollt.

Aber er liegt jetzt in den letzten Zügen, das spürt man.

Die Stare sind schon da - jetzt ist der Frühling nicht mehr fern!

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